Pfarrerin Katharina Plehn-Martins - Auenkirche zu Berlin-Wilmersdorf
Predigt über Die Krippe am Heiligen Abend 2011- Christvesper 17 Uhr
Lied EG 37: Ich steh an Deiner Krippen hier, 1- 4 und 6
Liebe Gemeinde!
„Joseph, der neue Mann“ – „Was wissen wir über Bethlehem“ – „Ochs und Esel“ – „Der Christbaum“ – „Das Kind“ – „Maria“ – „Der Stall von Bethlehem“ und unvergessen: „Das Geschenk“!
Die verschwundene - und dennoch gehaltene Predigt!
Diese alle und noch viele mehr waren meine Heiligabend-Predigten der letzten zwei Jahrzehnte hier in der Auenkirche. Und heute?
Heute möchte ich mit Ihnen, der Heiligabend-Fest-Gemeinde, die oft besungene Krippe etwas genauer anschauen! In vielen Weihnachtsliedern kommt sie vor.
Von dem Paul-Gerhard-Lied „Ich steh’ an Deiner Krippen hier“ werden wir heute Abend sogar acht Strophen singen. Für viele wird erst richtig Weihnachten, wenn beides zusammen kommt: Die Weihnachtsgeschichte und dieses Lied.
„Es begab sich aber zu der Zeit …“ Erst wenn wir die Geschichte hören, wie sie Lukas vor fast 2.000 Jahren in der Bibel überliefert hat, und erst, wenn wir dann dieses Lied singen, das der evangelische Pfarrer Paul Gerhardt, vor 354 Jahren 20 km südöstlich von Berlin, in Mittenwalde, gedichtet hat: Dann ist das Weihnachten! „Ich steh an deiner Krippen hier.“ Dann sind auch wir an der Krippe angekommen. Ohne diese Geschichte gäbe es dieses Lied nicht. Ganz eigentümlich zieht es uns gleich von Beginn mitten in die Weihnachtsgeschichte hinein.
Es lädt uns ein, uns zur Krippe zu stellen, so, als seien wir Zeitzeugen dieses Geschehens, in dem uns Gott in dem Kind begegnet. Der große unendliche Gott, und dieses winzige Menschlein gehören nun unauflösbar zusammen – sind mitten unter uns. Und wir, wir können uns in diese Geschichte hineinbegeben: schauen, staunen, fühlen, was da für uns und mit uns geschieht. Wer dieses Lied singt, spricht von sich selbst: „Ich“, „Ich an deiner Krippe“.
Wer sich vom Text Paul Gerhardts und der Melodie Johann Sebastian Bachs tragen lässt, begibt sich selbst zur Krippe, bleibt staunend stehen vor dem Kind, das uns die Nähe Gottes schenkt. Steht vor dem Kind, das ein anderes Licht auf unser Leben wirft. Schauen Sie auf das Liedblatt.
Sie sehen vorne die innere Krippenszene, den Mittelpunkt von Wally Deppes Weihnachtskrippe: Maria und Joseph an der Krippe mit Heu und Stroh. Von dort leuchtet ein Licht. Statt des Kindes sehen wir eine Kerze in der Krippe.
Ein leuchtendes Symbol für das Kind, das, wie gesagt: Ein anderes Licht auf unser Leben wirft. Jesus Christus, Licht der Welt. Das Licht, das in die Finsternis scheint.
Und darum, nur darum, zünden wir heute Abend die vielen Lichter an … das ist der einzige Grund!!!
Die kleine Futterkrippe, gefüllt mit Heu und Stroh, sie zeigt das ganze Geschehen an Weihnachten. Sie steht im Zentrum, sie ist die Mitte, um die herum sich alles schart: Maria und Joseph, die Engel, die Hirten, Ochs und Esel und später die Heiligen Drei Könige.
Die Futterkrippe ist zum Lebensmittelpunkt geworden, das Licht, das sie in sich trägt, zieht alle an. Und darum gibt diese schlichte, einfache Futterkrippe dem ganzen Geschehen seinen Namen: Die Krippe! Wenn wir „die Krippe“ sagen, meinen wir doch nicht nur die Futterkrippe – ich stelle „meine Krippe“ auf … Wir meinen alles und alle, die an Weihnachten rund um die eigentliche Futterkrippe mit dem Kind versammelt sind.
Der Evangelist Lukas selbst stellt die Krippe in den Mittelpunkt. Dreimal kommt sie in der Weihnachtsgeschichte vor – wir haben es gerade von Max gelesen gehört:
„Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln
und legte ihn in eine Krippe …“ (Lukas 2,7)
„Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt
und in einer Krippe liegen.“ (Lukas 2,12)
„Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef,
dazu
das Kind in der Krippe liegen.“
(Lukas 2,16)
Das „Liegen in einer Krippe“ dient den Hirten als „Zeichen“. Hier kriegt man, was man sonst nicht kriegen kann: Die Krippe wird zu einem Symbol, für alle, die suchen. Bei und in ihr gibt es „Futter“!!! Sie ist in der Krippenszene der Lebensmittelpunkt – bei ihr gibt es Lebensmittel – Mittel zum Leben -Existentielles - im einfachen wie im übertragenen Sinne. Das ist die „Botschaft der Krippe“ des heutigen Abends für alle, die es hören und wissen wollen!
Wer von uns kennt eigentlich noch eine richtige Futterkrippe? Eine Futterkrippe ist eine gewichtige Sache. Wir mögen allenfalls die kleine, niedliche Krippe der weihnachtlichen Krippenspiele vor Augen haben. Einmal im Jahr wird sie von der Seitenempore runtergeholt, entstaubt und zu den Familiengottes-diensten am Heiligen Abend im Altarraum aufgestellt. Unsere steht nun nebenan in der Sakristei…
Die echte Futterkrippe eines Stalls dagegen ist schwer, unhandlich. Von einem Schäfer habe ich erfahren, dass er in seiner Lehrzeit jeden Morgen die Krippen säubern musste. Dann wurde das frische Futter in schweren Kiepen gebracht und in die Futterkrippen geschüttet. Knochenarbeit war das! Futterkrippen sind oft sehr lang – und entsprechend schwer.
Zur täglichen Reinigung muss die Krippe regelrecht auf den Kopf gestellt werden.
Nur so fällt das alte Futter vom Vortag raus auf den Stallboden. Danach wird mit großem Kraftaufwand die Krippe wieder auf die Beine zurück gestellt. Dann erst kommt neues, frisches Futter hinein. Das ist nicht besonders romantisch und erst recht nicht bequem.
„Eins aber, hoff ich, wirst du mir, mein Heiland, nicht versagen:
dass ich dich möge für und für in bei und an mir tragen.
So lass mich doch dein Kripplein sein; komm, komm
und lege bei mir ein dich und all deine Freuden." (EG 37,9)
So werden wir gleich weiter singen mit Paul Gerhardts Lied aus dem Jahr 1653. Schöner und tiefsinniger kann man kaum beschreiben, was mit Weihnachten - jedes Jahr neu - werden soll. Das sind Worte, die fünf Jahre nach Ende des dreißigjährigen (!) Krieges in tiefem Gottvertrauen niedergeschrieben wurden.
Christus will verinnerlicht sein! Er möge in mir selbst Gestalt annehmen.
Das veranschaulicht Paul Gerhardt mit dem Bild der weihnachtlichen Krippe.
Die eben angesprochene Krippen-Mühsal, die hat er dabei ausgeblendet.
Ich selber, ich als einzelner Christ, möge ein „Kripplein" sein, in welchem Jesus einen Ort, eine Herberge findet. Das Bild von der Krippe erfährt hier eine Wendung: Indem wir das Kind in der Krippe finden, uns an die Krippe stellen –
„Ich steh an deiner Krippen hier“ - geben wir ihm Raum in uns. So werden wir ihm zur Krippe.
Ideal gedacht: Stellt sich unsere Wirklichkeit nicht ganz anders dar?
Liegt nicht bereits viel zu viel drin in diesem „Kripplein", das ich sein könnte? Werde ich nicht zugeschüttet, zugemüllt und zugeramscht mit Allerweltskram und Dingen, die eigentlich kein Mensch braucht?
- Zuviel Informationen jeden Tag - von morgens bis abends - wir leben in einer Mediengesellschaft.
- Zuviel Anspannung und Stress - die, die Arbeit haben, arbeiten zu viel, sind oft ausgebrannt.
- Die, die keine Arbeit (mehr) finden können, leiden unter genau dem Gegenteil.
- Zuviel Bilderreize und Gedudel, alles und jedes wird fotografiert, digitalisiert, publiziert und verschickt…
- Kein Einkauf ohne Geräuschkulisse, selbst in manchen Arztpraxen und bei Friseuren sowieso …
- Zuviel Schnäppchen, Sonderangebote und Dinge, die man glaubt, haben zu müssen, um glücklich und zufrieden zu sein.
Ständig werden wir durch Außenreize attackiert – und das fängt bereits im Kindesalter an. Ich erlebe es doch bei meinen Konfirmanden: Die Terminkalender vieler Kinder sind heute genauso prall gefüllt wie die von uns Erwachsenen.
An einem Abend wie dem heutigen kann man sich schon mal fragen, wie viel Platz eigentlich noch in uns ist für dieses Jesuskind, dessen Geburt wir heute doch feiern? Gibt es eigentlich noch Platz in der Krippe, die ich sein darf?
Gibt es irgendwann – irgendwie - irgendwo - noch Platz für Gott?
Oder nur noch, wenn ich gerade mal Zeit habe, wenn es gerade mal passt?
In diesen Tagen mag es sich lohnen, dieser Frage mit Aufmerksamkeit nachzugehen. Man könnte sich denken, dass auch Joseph die Futterkrippe erst mal auf den Kopf gestellt und sauber gemacht hat, bevor das Jesuskind in ihr Platz bekam. Man könnte sich auch denken, dass es uns hin und wieder mal gut täte,
unsere Krippen auf den Kopf zu stellen, altes, verdorbenes Futter raus zu schütteln, und Platz zu schaffen für das und für den, der uns zum Leben hilft? AMEN
Lied EG 37: Ich steh an Deiner Krippen hier, 7 - 9