Predigt im rbb-Rundfunkgottesdienst in der Auen-Kirche am 13. Nov. 2011

Pfn. Katharina Plehn-Martins



Gnade sei mit euch und Friede von dem der da ist, der da war und der da kommen wird.

Liebe Gemeinde – Gnade sei mir!

Nämlich in den Nächten, in denen Albträume mich plagen, wenn ich kämpfe und kämpfe. Wache ich auf, bin ich erleichtert. Erleichtert, dass nichts von dem Wirklichkeit ist, was mich durch die Nacht gescheucht hat.

Oft bleibt ein dunkles Gefühl, bis sich die Erfahrungen des neuen Tages darüber legen. Heute lasse sie einmal an einem meiner jüngsten Träume teilhaben. Er ist so was wie ein „Pfarrer-Klassiker“:

Ich habe einen Gottesdienst zu halten, plötzlich merke ich, die Zeit wird knapp. Finde keine Unterlagen, alles weg. Gleich muss es los gehen. Das schaffe ich nie … Hastig hantiere ich rum, suche, will mit dem Rad zur Kirche fahren. Geht nicht, das Vorderrad hat eine Acht, der Reifen quillt seitlich aus dem Rahmen. Nichts geht. Verzweifelt unternehme ich weitere Versuche, pünktlich zur Kirche zu kommen. Ich habe die Verantwortung, die Zeit rennt davon, es geht um Minuten, aber nichts, gar nichts geht mehr. Der Kampf gegen die Zeit und gegen alle Hindernisse wird immer dramatischer …“

Plötzlich wache ich auf, bin völlig fertig und spüre zugleich die Erlösung: Es war nur ein Traum …!

Jede Berufsgruppe mag ihre spezifischen Albträume träumen: Ganz schlimm stelle ich mir Dachdecker-Träume vor, oder Ärzte, Chirurgen, Busfahrer und Bauarbeiter, Lehrerinnen, Richterinnen, Staatsanwälte und Polizisten, Köche oder Kellner …

Der Schriftsteller Wilhelm Genazino spricht im letzten Magazin der Süddeutschen Zeitung von „Gegenwartsdruck“. Gegenwartsdruck, der sich in solchen Träumen Bahn bricht, kann schrecklich sein. Stress im Alltag, Versagensängste brechen mit voller Wucht über einen herein, oft völlig gegen die Realitäten der träumenden Person. Burnout mag die nächste Stufe sein.

Probleme unserer Zeit – Probleme unserer Leistungsgesellschaft, viel publiziert, viel diskutiert, viel therapiert …!

Am heutigen Volkstrauertag kann es aber nicht nur um unsere individuellen Albträume gehen.

Die Bedeutung dieses Sonntags, wie auch die eben gehörte Rezitation der „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“ führen uns in ganz andere Dimensionen. Der romantische Dichter Jean Paul hat diese Rede im Jahr 1796 geschrieben. Sie mutet an wie eine Vorwegnahme dessen, was im 20. Jahrhundert in Europa geschah. Menschen, vor allem Juden, mussten Erfahrungen machen, die sie erschauernd sagen ließen: „Dass kein Gott sei“.

Die Gedenkfeiern zum 9. November 1938 liegen erst wenige Tage hinter uns. Zwei von Deutschland ausgehende Weltkriege gehören zu unserer kollektiven Schuld-Geschichte. Einer Geschichte, die Menschen angstvoll fragen ließ: „Ob kein Gott sei?“ Menschen, die in diesen Zeiten in Deutschland lebten, die zu Opfern wurden, deren Lebens-Träume brutal zerstört wurden, wie oft haben sie verzweifelt gestöhnt: „Dass kein Gott sei“ !

Das Unfassbare geschah in Deutschland im vorigen Jahrhundert. Wir wissen es, auch wenn wir es manchmal nicht mehr wissen wollen… Der Wunsch zu vergessen kann auch Ausdruck des Leidens daran sein, dass das alles geschehen ist:

Der 1. Weltkrieg und seine Folgen, die brutalen, dunklen zwölf Jahre der Nazi-Diktatur. Es hat lange gedauert, bis das gesellschaftliche Klima so war, dass Menschen bereit und fähig waren, diese schreckliche Zeit „aufzuarbeiten“.

Wie weit das wirklich geht sei dahin gestellt …

Es war eben nicht nur ein böser Traum. Es war böse Realität. Irgendwann begannen Versuche zu verstehen. Fassungsloses Fragen. Fragen, das keine einfachen Antworten zulässt. Es gab manche Versuche von Antworten – eine davon war die „Gott-ist-tot“-Theologie.

Dass kein Gott sei“ schien eine Antwort auf diese Verbrechen zu sein. Menschen, Juden wie Christen, hatten und haben ihren Glauben an den Gott, der in die Geschichte der Menschen eingreift und handelt, verloren. In ihrem Erleben wurde der böse Traum zur bitter-bösen Wirklichkeit: „Das kein Gott sei“. Für diese Menschen gab es kein erleichtertes Erwachen, ihre „Seelen konnte nicht vor Freude darüber weinen, dass sie wieder Gott anbeten“ konnten. „Friedliche Töne … wie von Abendglocken“ blieben für diese Menschen unhörbar.

Für sie hat es den rettenden und bewahrenden Gott nicht gegeben – ihr böser Traum blieb böse Realität, mit der sie weiter leben mussten. Manchmal aber auch nicht mehr leben konnten.

Leid-Erfahrungen, auch der schlimmsten Art, gibt es seit Menschen-Gedenken.

Leid-Erfahrungen, auch der schlimmsten Art, gibt es überall auf der Welt.

Das macht es aber nicht leichter, mit Leiden umzugehen. Der Apostel Paulus sagt in seinem Brief an die Gemeinde in Rom:

Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet.“ (Röm 8,22)

Paulus weiß selbst um lebensbedrohende Verfolgungen, wenn er von der seufzenden und sich ängstenden Schöpfung spricht. Von den weltumspannenden Bedrohungen der Schöpfung, von Klimawandel und Umwelt-Katastrophen hat er sicher in dem Maße, in dem wir uns damit auseinander zu setzen haben, nicht gewusst. Aber für uns Heutige klingen diese weltweiten Gefährdungen immer mit, wenn wir so ein Pauluswort hören:

Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet.“ (Röm 8,22)

Wenn der Apostel Paulus von der „Erlösung unseres Leibes“ (Röm 8,23) spricht, steht dahinter die tiefe Glaubensgewissheit, dass die Tod bringenden Mächte der Welt nicht das letzte Wort sind. Paulus ist „überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“ (Röm 8,18)

Seine Glaubens-Hoffnung kann auch die Hoffnung unseres Glaubens sein.

Auch Jean Paul, der Dichter ist geprägt von tiefem Glauben. Sein Traum spiegelt die seufzende, sich ängstende Schöpfung in bedrückender Weise wider.

Doch dieses „dass kein Gott sei“ ist auch nicht sein letztes Wort. Der Träumende erwacht und ist erlöst. Freudig erregt spürt und weiß seine Seele, sie kann Gott wieder anbeten: „und die Freude und das Weinen und der Glaube an ihn waren das Gebet.“

Die von Paulus hoffnungsvoll geglaubte „Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“ (Röm 8,18) findet eine wunderbare Entsprechung in Jean Pauls Erwachen.

Einem Erwachen, in dem das Seufzen und das Ängstigen der ganzen Schöpfung nicht mehr vorkommen: „und von der ganzen Natur um mich flossen friedliche Töne aus, wie von fernen Abendglocken.“ Hier wie dort: Das ist Hoffnung aus dem Glauben heraus.

Volktrauertag – ein Tag des Erinnerns, gerade auch dessen, was Menschen einander antun und angetan haben, was wir all zu oft zu vergessen wünschen.

Auch Jesus hat allen Grund, auf unser Tun „mit strömenden Tränen“ zu antworten.

Jesus zahlt einen hohen Preis, er ist der Geschundene, der für uns am Kreuz Gestorbene – „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen“ (Matthäus 27,46b) ruft auch er am Kreuz. Aber verlassen bleibt er nicht – und so dürfen wir glauben:

Verlassen bleiben auch wir nicht, bleibt diese Welt nicht – bleiben auch die geschundenen Opfer des vergangenen Jahrhunderts nicht.

Durch Jesus Christus ist uns Erlösung zugesagt, weit über unser heutiges Sehen und Verstehen hinaus. Spuren von Erlösung, die mag man heute schon finden,

im Hier und Jetzt: Seit 66 Jahren lebt - zumindest ein Teil unserer Gesellschaft - in Frieden und Demokratie. Sicher haben wir auch heute unsere Albträume, das erleben wir tagtäglich, manche Menschen auf besonders schmerzhafte Weise: Ohne Arbeit, finanziell und gesellschaftlich an den Rand gedrängt, ausgegrenzt.

Manche gefährdet, weil sie anders sind, anders aussehen.

Manche gefährdet – nur so … weil sie zufällig zur falschen Zeit am falschen Platz sind. Ein „anderes Deutschland“ als das in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ist eine immer währende Aufgabe zur Bewährung.

Aber dennoch: Grund zur Dankbarkeit haben wir allemal.

Für die Gabe des Friedens, für die Gabe der Demokratie.

Gaben, die uns aber beständig als Aufgabe bleiben.

Sie zu erfüllen helfe uns Gott, um dessen Segen wir am Ende dieses Gottesdienstes bitten. AMEN